Archiv der Kategorie: Kulturwissenschaft

Kalte Medienanalyse eines heißen Gegenstandes (Nelly »Hot in here«)

Popular Culture Seminarvorbereitungen können seltsam sein. Habe mir ein Buch ausgeliehen (Keazor/Wübbena, Video thrills the radio star, 2007, transcript) und den Abschnitt zu Nelly „Hot in here“ gelesen. Dann geschaut wo Macht- und Genderkritik auftauchen. Fehlanzeige. Das Buch ist eine technische, maximal noch intertextuelle Analyse von Medienprodukten. Methodisch gut, nur: So what? Das Video hat mehr als nur die im Buch angesprochene Differenz zwischen erster und zweiter Videoversion.

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Urban Gardening taken to the next level

„The greening of Detroit“ und Gärten in postsozialistischen schrumpfenden Städten sind ja bekannt. Hier nun ein Produkt, das aus der in den USA nicht ganz seltenen Angst vor Krisen und Krieg Profit schlägt. Wo es ohnehin ein Faible für Privatbunker und Lebensmittellager sowie Suvivaballs gibt, da kann man sich jetzt auch die Pflanzensamen für die nächste große Depression kaufen. Das ist Kultur im wörtlich römischen Sinne: Ackerbau.

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We want you for Bundesheer

Zum Video gibt es in diesem Post ein Transkript und eine kurze Kommentierung sowie verschiedene andere Armeewerbevideos als Vergleich.

Als Einleitung lernen wir, dass das Bundesheer äquivalent cool und ungefährlich ist, wie der iPod. Völkerrechtsverletzungen mit Gasgranaten aus dem 1. Weltkrieg werden also hier zum neusten Hip-Hop Lied.

Dann lernen wir eine Zielgruppe kennen, die auch von den gewählten „Schauspielern“ (offensichtlich ahnungslose Amateure) repräsentiert wird. Die Armee will sich also aus Personen ab 18 bis etwa Mitte 20 rekrutieren. Ob es einem nicht eher Angst macht, dass solche Milchbuben mit Panzerkanonen hantieren sollen, wird nicht reflektiert. Dafür ist aber der Panzer cooler als der Audi Sportwagen. Aber zurück zur Zielgruppe. Hier handelt es sich offenbar um Personen aus einer unteren Gesellschaftsschicht, schätzungsweise Konsummaterialisten (Beschreibung siehe Grafik unten). Dafür spricht wie Auto und Kleidung in Szene gesetzt werden.

Das dargestellte Verhältnis Mann-Frau ist zum Schreien. Immerhin wird hier mit Zuhälterähnlichen Bildmotiven gearbeitet, die dann anschließend auf die Soldaten übertragen werden. Das geschieht schon allein durch die Gleichsetzung der verbalen Ebene, wenn der Soldat die Mädels genauso zu einer Spritztour einlädt wie der Mann mit seinem Sportwagen. Und überhaupt, wenn die Ablehnung der Einladung damit begründet wird, dass in dem Zweisitzer kein Platz für die vier Frauen sei – wie sollen sie dann bitte in den Panzer passen? Ausschnitte auf das Dekolleté, Kleidungsstil (weiße Stiefel verbindet man als Hamburger mit Prostituierten) und das dem Panzer hinterherwackeln die Position und die Armhaltung des Mannes auf dem Auto tun ihr übriges.

Die Produktion ist unglaublich unprofessionell. Das gilt für die Szenen und mögliche Wiederholungen wie für die Kameraführung. Es sind Spuren da, wo noch keine sein sollten, Personen haben in Nahaufnahmen die Augen geschlossen, es war offenbar nicht möglich unbeteiligte Personen aus dem Hintergrund zu entfernen, etc. Der Ort ist wohl ein Kasernengelände, zumindest trägt er nicht zur Bildung eines Images positiv bei, eher wirkt er abgewrackt.

Die Dialoge – so man denn überhaupt davon sprechen will – sind platt. Schließt man daraus und aus der mangelnden Betonung auf die Intelligenz der Beteiligten, so muss man zum Schluß kommen, die porträtierten Personen seien unterbelichtet. Da dies wohl kaum im Sinne des Urhebers ist kann erneut nur von einer misslungenen Produktion ausgegangen werden.

Irgendwer hat wohl gedacht nach dem viralen Erfolg des ukrainischen Videos mit demselben Skript würde dies auch für Österreich funktionieren. Leider wirken die in der ukrainischen Werbung deutlich überzeichneteren Charaktere lustig, was aber für Österreich abgeschwächt wurde und dann nur noch fade und lächerlich daherkommt. Aller Witz und Ironie gehen dem Video ab. Dadurch, dass der Sexismus nur noch unterschwellig daher kommt wirkt er eher gewollt und nicht ironisiert. Sicher, das Video wird wohl ein viraler Erfolg, aber dann wohl zum Fremdschämen und Lachen, nicht als Anreiz zum Eintreten in die Armee. Gleichzeitig gilt aber auch: Würde jemanden dieser Spot begeistern, würde man ihn (dem Spot nach nicht sie) dann überhaupt haben wollen? Als Erfolgreich kann man den Spot wohl nur dann ansehen, wenn man davon ausgeht, dass es negative Werbung nicht gibt, und dass darüber Reden immer ein Erfolg ist. In diesem Sinne: Halten wir uns weiter den Bauch, auch wenn wir nicht sicher sind, ob es vom Lachen oder Übelkeit herrührt.

Der Protest (Sexismusvorwurf) hat immerhin dafür gesorgt, dass das Video aus dem Fernsehen abgesetzt wurde, aus dem Netz wird es nicht so schnell zu löschen sein. „Die Marketingabteilung des Bundesheeres verteidigt den Spot folgendermaßen: ‚Unser Clip ist so deppert, dass er schon wieder genial ist.‘ Die Akteure in dem Video sind ein Diskothekentürsteher und vier Hotelfachschülerinnen.“ (Quelle) Der Spot war also geklaut, mies umgesetzt und einem offiziellen Wertekanon nicht angemessen. Nur: Bei der Gruppe der 14-18 Jährigen als Zielgruppe und denjeniegen, denen Emanzipation nicht als wichtiger Wert erscheint kommt er wohl an (siehe Kommentare): „Man stelle sich mal vor, wieviele sich freiwillig zur Waffen-SS gemeldet hätten, wenn die Werbung mit Dirlewanger und Bandenkampf geführt worden wäre….. Niemand hätte sich gemeldet, statt dessen dachte jeder er könne Hoch zu Roß in schwarzer Uniform den Mädels im Heimatdorf imponieren.
Der Werbefilm ist auch militärischer Sicht sehr gut und spricht auch die richtigen Kerle an. Der/ die Ritter in Rüstung kommen aus dem Nebel und retten die Prinzessin aus den Klauen des Bösewichts, nur eben heute mit modernen Mitteln aufgepeppt.
Kritik kommt ausschließlich aus der pazifistischen FEMI-ecke. Würde das österreichische Heer die Wahrheit bewerben (von Autobomben zerfetzte NATO-Söldner), dann würde von den heutigen feminisierten jungen Männern keiner auch nur den Gedanken an einen Wehrdienst verschwenden.“

Auch auf Bild.de ist man der Meinung: Kopie, Schlecht, Sexistisch. Andsers die Leser: Nicht sexistisch, witzig, gut gelungen, wirbt für Frauen als Panzerfahrer. „Die Kernaussage des Spots könnte man so zusammenfassen: Mädchen und Frauen können durch den Dienst in der österreichischen Armee die gesellschaftliche Minderbewertung der Frau überwinden.“ Da kann man mal sehen, der Sexismus wird abgewickelt (der Türsteher blitzt ab), die Soldaten sind gar nicht die Ritter und die Mädchen keine Prinzessinen, die vor dem Türsteher-Drachen gerettet werden sollen – Nein! Sie sind nur an einem handfesten Job (Spritztour in Kanonenrohrgröße) interessiert. Alles vollständig PC. Die Panzerfahrerin mit dem liebevoll als „Fick mich Stiefeln“ bezeichneten Schuhwerk, das ist die Wahre Gleichberechtigung. Jetzt wissen wir es endlich.

Übrigens hat sich auch die Tagesschau mit dem Fehltritt auseinandergesetzt. Diese urteilt, dass Soldatinnen gleich als „Kameraden“ behandelt würden (was dann wohl positiv ist, weil eben gleich, also als Mann) und real nicht als Groupies den Panzern hinterher rennen würden, sondern sie selbst fahren.

Der Werbeblogger ist übrigens auch der Meinung: Sexismus wäre nicht enthalten. Schließlich würde es ja darum gehen Frauen zu werben, und wer behaupte die würden nicht gerne dicke Dinger fahren würde nur die Umkehrung eines Klischees wieder reproduzieren (Ergo: Bitte fahrt alle sexistisch aufgeladene Autos?). Außerdem seien die Soldaten gar nicht so macho, sondern der Macho würde eben abblitzen. Mh, da hat der Werbeblogger wohl sehr unaufmerksam geschaut, weil all die kleinen Sexanspielungen im Video dann wohl übersehen wurden…

Übrigens – als Medien-Meta-Kommentar darf folgender Satz nicht fehlen, da er in allen Artikeln enthalten ist: „Dieser Schuss ging eher nach hinten los…“

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Wilde Innovationen II

Hier eine überarbeitete Fassung des bereits zuvor geposteten Vortragmanuskripts für eine kulturwissenschaftliche Konferenz. Umwerfende 4 Seiten Text.

Download (pdf): Gerhard_2009_WildeInnovationen

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Heimat, adé

Chic (frz., abgeleitet vom dt. schick): ein Filmchen, wieder verlinkt beim MDR. Diesmal: Artour, Do. (29.11. – heute) Abend 22 Uhr. Auch in der Mediathek. Kommentiert den auf dem Dokville laufenden Film „Heimat auf Zeit“. Anlass sind neue Braunkohletagebaue. Wirtschaft vor Wohnung und aktuelle Umsiedlungen in Deutschland werden anhand des Heimatverlusts thematisiert. Zum MDR siehe den vorigen Eintrag (genau verlinken kann man ohnehin nicht).

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Wilde Innovationen strukturieren

Hier ein Working Paper zu Innovation für eine Konferenz im November, das ich gerade überarbeite – insofern sind Anmerkungen willkommen. Vor allem wird jetzt noch reduziert.

Abstract:

Im Zuge der letzten Jahre haben sich verschiedene Phänomene herausgebildet, die in der ökonomischen Managementliteratur und inzwischen auch der Allgemeinpresse unter Stichworten wie Crowdsourcing, Open Innovation, Lead User Forschung, User Innovation und Prosumers besprochen werden. Insbesondere im Internet entstanden dabei Formen der Einbindung von Kunden in organisationale Innovationsprozesse von Firmen, welche in der Ausgestaltung stark dem als Hacker Culture bezeichneten subkulturellen Umgang von Open Source Communities ähneln.

Der Vortrag zeichnet diese Entwicklungen grob nach und zeigt davon ausgehend auf, wie es möglich ist aus den von Nutzern eingebrachten Vorschlägen für das Unternehmen sinnvolle Inventionen zu erhalten. Webplattformen, so die vertretene These, übernehmen die Aufgabe zwischen freien, ungeplanten, intrinsisch motivierten und spontanen Nutzervorschlägen zum einen und auf Planung, Sicherheit und Hierarchie bedachten Unternehmen zum anderen zu vermitteln. Vor allem ein Problem der Übersetzung zwischen Konsumenten und Produzenten, das über eine Ausbalancierung von Sicherheit und Freiheit im Sinne einer liberalen Gouvernementalität (Foucault) geregelt wird steht dabei im Fokus.

Anhand der Doppelbetrachtung von Firmen und Konsumenten wird ein Theoriebruch offenbar, der zwischen pragmatischen/interpretativen Theorien auf der einen Seite (Kunden) und funktional-strukturellen/diskursiven Ansätzen auf der anderen Seite (Firmen) verläuft. Dieser Theoriebruch soll anhand des beschriebenen Phänomens zur Diskussion gestellt werden.

Download Wilde Innovationen

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Der Preis

Tipp: Insbesondere auf das Kleingedruckte achten. Hier steht eben alles auf dem Spiel – alles außer …

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