Eine kurze Notiz zu einer Mediengeschichte der Freundschaft anlässlich Schillers 250. Geburtstages

Große Freundschaft, große Emotionen, große Legenden, so dachte man wohl bei der ZEIT, als man mit der Freundschaft von Schiller und Goethe den dieswöchigen Aufmacher wählte. Da man ja aber bereits seit etwa 200 Jahren über Schillers Geburtstag schreiben kann benötigte man eine Einschränkung, eben die Freundschaft zu Goethe, was sich aufgrund eines neu erschienenen Buches anbot (überhaupt erscheint immer eine Reihe Bücher zu solchen Todesdaten, hebt wohl die Verkaufszahlen).

In diesem Rahmen jedenfalls schreibt Peter Kümmel „Im Gestöber der Intimität – Vom Brief zum Blog zur SMS: Die neuen Medien haben die Kultur der Freundschaft völlig verändert“ (In: Die Zeit Nr. 34 vom 13.08.2009, S. 37). Einige der Thesen des Artikels wollen wir uns anschauen (und weiterführen) und das meiste wollen wir dem Autor vergeben (er schreibt schließlich einen Zeitungsartikel, muss also pointiert formulieren).

Da ist zunächst der Titel: Er listet drei Verbreitungsmedien, die wir später um zumindest die Postkarte, die E-Mail und Twitter sowie Social Networks erweitern wolle (ohne damit Anspruch auf Vollständigkeit zu erheben). Neben dem technischen Medienbegriff  führt der Autor noch den (besser: einen) Kulturbegriff ein. Wir lernen hier: Freundschaft hat eine Kultur. Lassen wir das zunächst so stehen und widmen wir uns lieber einem anderen Begriff des Titels: völlig. Kümmel weist den Medien die Kraft und Bedeutung zu die Kultur der Freundschaft völlig verändert zu haben. Darin steckt dann die Behauptung, dass es eine Form der Freundschaft gab (und die hier wohl als positive Norm gesetzt wird – das Kreuz der meisten sogenannten kulturellen Betrachtungen), welche über Medien (The Medium is the Massage von Marshall McLuhan stand hier wohl Pate) völlig (also nicht nur teilweise sondern total) verändert wurde.

Nun ist es eine sehr interessante Idee Freundschaft als Kriterium für eine historische Betrachtung einzuführen und den Kulturbegriff also als historischen Vergleichsbegriff (Luhmann, 1995) zu verwenden. Freundschaft wird dann über die Zeit vergleichbar. Jetzt geht der Autor aber nicht vom Thema bzw. vom Gegenstand aus, also Freundschaft, sondern wählt den der Erscheinungsform geschuldeten Anfang bei Goethe und Schiller. Einen Anfang zu machen scheint hier leider beliebig. Wenn aber Freundschaftskultur vergleichbar wird, dann benötigen wir zumindest zwei Kulturen der Freundschaft, eine für ein Vorher, eine für ein Nachher. Halten wir das zum Kulturbegriff fest und legen damit unser Vorgehen offen, inklusive der dahinter liegenden normativen Begründung.

Neben der Perspektive der historischen Freundschaft soll uns eine zweite Leitunterscheidung begleiten: Die der Medien. Wie also sehen wir Freundschaft, wenn wir sie im Lichte ihres Bezuges zu Medien betrachten (und damit andere mögliche Bezüge reduktionistisch außer acht lassen). Hier haben wir einen Fokus, der die Kommunikation eng genug zu führen vermag, um einen kurzen Artikel zu verfassen.

Beginnen wir eine Darstellung der Freundschaft wie sie „ursprünglich“ war (man erinnere sich: diesen Ursprung haben wir willkürlich gesetzt). Kümmel beruft sich auf Robert Musil, der beobachtet haben will, „dass viele alte Freunde einander im Grunde nicht mehr leiden können“. Unter den Formeln der Höflichkeit ahne der Leser, so Kümmel, Wut, Überdruss und Angst vor dem Talent des anderen. Für Kümmel dienen die überschwänglichen Freundschaftsbeweise lediglich der Vertuschung dieses Umstandes. Nun sieht Kümmel den Briefwechsel bei den Weimarern als einen der wichtigsten Freundschaftsbeweise, ihm kommt also besondere Bedeutung zu. Der Briefwechsel sei als künstlerisches Produkt ebenso an die Nach- wie an die Mitwelt gerichtet. Lassen wir uns das auf der Zunge zergehen; der Brief, mit all seinem besonders privaten Habitus aus Umschlag, Anreden und Briefgeheimnis, wäre damit überhaupt nicht privat oder zumindest gleichwertig auch öffentlich. Wenig später löst der Autor uns aus dieser Verwunderung heraus, nämlich mit der Argumentationsfigur, dies bezöge sich lediglich auf eine zeitliche Differenz. Der Brief wäre durchaus privater Natur, allerdings nur solange Autor und Rezipient (der eine, der bestimmte) lebten. Posthum jedoch wäre der Briefwechsel an die Nachwelt und damit wohl auch an die Öffentlichkeit, schlussfolgern wir hier, gerichtet. Hier unterstellt Kümmel wohl, der Autor schriebe schon immer im Gedanken an eine später mitlesende Nachwelt. Nehmen wir das zunächst so hin und stellen eine andere Frage, nämlich die nach der Art der Freundschaft, die sich mittels Briefen unterhalten lässt.

Wie Eberhard Straub noch auf der gleichen Seite „Unter knorrigen Eichen – Warum die Deutschen sich eine besondere Begabung zur Freundschaft zuschreiben“ darstellt kann es sich lediglich um die Freundschaft eines bestimmten Milieus handeln. Es kann nur um eine akademische oder künstlerische Freundschaft gehen. Dem wird auch bei den Briefen Goethes und Schillers so sein, die Kümmel als Ausgangspunkt seiner Betrachtungen nimmt, anders könnte er sie wohl kaum als „künstlerische Produkte“ etikettieren. Was haben wir dann aber über unterschiedliche Freundschaftskulturen einer Zeit ausgesagt? Wohl nichts, denn historisch ist nicht gleichviel überliefert über Freundschaften der niederen sozialen Stände dieser Zeit (und noch viel weniger wird darüber diskutiert. Claude Lévi-Strauss formulierte bereits 1962 in Das wilde Denken (deutsch: 1973), dass Geschichte anders als Ethnographie Gesellschaft in der Zeit, nicht im Raum entfalte. Kultur als historischer Vergleich übersieht hier räumliche Gleichzeitigkeit – und erst in dieser Doppelbetrachtung wird Formel der Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen (Ernst Bloch) offenbar. Die Kultur der Freundschaft, von der Kümmel ausgeht, ist also eine Kultur der Freundschaft des Bildungsbürgertums des 18. Jahrhunderts. Sie ist eine emotional überschwängliche, humanistische Freundschaft, eine die in Briefen, Zeitschriften, Kaffeehäusern, Universitäten, Salons, Badeorten, Konzert, Oper und Theater stattfindet. Freundschaft ist romantisch, sie ist eine prototypische Form der idealen Solidarität. Wie man, so stellt Straub heraus, an den Gebrüdern Grimm und Humboldt erkennen kann, lässt sich selbst Verwandtschaft noch einmal kulturell Überformen durch einen Kult (der dann auch retrospektiv als eine spezifische Kultur erscheinen kann) der Freundschaft. Dies alles ist die Freundschaft, von der wir ausgehen wollen, wenn wir über einen Briefwechsel als Medium der Freundschaft sprechen. Das alles konnotieren wir dann auch, wenn wir von Brieffreundschaft reden und so kann leicht Wehmut aufkommen, wenn man deren Verschwinden diagnostiziert.

Nun hat Kümmel natürlich recht darin, wenn er den Brief als eine aussterbende Form des Freundschaftsbekenntnisses betrachtet. Freundschaft in Abwesenheit des Freundes, also medienvermittelte Freundschaft, verändert sich. Wollen wir einen Vergleich wagen, also historische Freundschaftskulturen vergleichen, dann mit dem Versuch zumindest die andere Variable, den Raum, konstant zu halten. Das kann uns nur gelingen, wenn wir erneut ein akademisches Milieu wählen. Nun wechselt Kümmel aber geradewegs in die Blogs und Twitternachrichten sowie zu den SMS. Hier fällt es uns schwer eine solche Abgrenzung vorzunehmen. Für Kümmel ist dann auch klar: „Die Haupteigenschaft der neuen Briefe, dass sie eher das Kollektiv als den Einzelnen meinen; dass sie ein Sprechen vor dem Publikum sind“. Der Brief, so der Autor weiter, wäre ein Dialog (zumindest solange der Briefeschreiber lebt, fügen wir hinzu), Blogger und Twitterer hingegen „wären auf Mitwisser scharf, auf Mitgerissene“. Ihnen unterstellt er, sie wären an einer Antwort nicht interessiert, sondern an der Verbreitungswirkung des Mediums. Das Internet, das als das dialogische Medium per se gefeiert wird (wie vor ihm alle anderen auch) wäre demnach lediglich einseitig gerichtet, die Rezipienten passiv und alles was sie dann doch zurück senden würden erreichte den ersten Sender nicht. „Aus der Korrespondenz mit dem Freund ist das weltweit streuende Selbstgespräch geworden.“

Den Wandel, den Kümmel sieht, fasst er in eine einfache Formel: Während beim Brief der Absender deutlich wäre und die Botschaft geheim, so sei dies im Internet entsprechend umgekehrt, der Autor bleibe unbekannt und die Botschaft werde öffentlich. Die Nachricht verliert ihre schützende Hülle (sie wird „nackt“) und wird zum „glücklichen Exhibitionisten“. Diese Exhibition sieht Kümmel für den Briefwechsel erst posthum erfüllt. Die Enthüllung vor dem einzelnen Freund scheint ihm nicht zu gelten. „Bekenntnisse“ werden inzwischen ohne Lagerung herausgegeben, also noch zu Lebzeiten: „Netzkommunikation ist schon bei ihrer Entstehung Nachlasskultur“. Die Frage sollte jedoch vielmehr darauf gerichtet sein, welche Funktion diese neuen Medien für eine Freundschaft erfüllen. Wenn, so ja die Annahme, Blogs und Twitter für die Erhaltung der heutigen Freundschaften diesen, was leisten sie dann für diese Freundschaft? Wie Kümmel richtig hervorhebt richten sich diese beiden Formen an „Mitwisser“ und „Mitgerissene“ – aber an Freunde?

Natürlich gibt es sie, die Freundschaftsblogs, sie berichten von Urlauben und Auslandsaufenthalten eines akademischen Bürgertums (aber eben auch nicht ausschließlich von diesen). Sie dienen wohl eher dazu der Frage: „Wie war es?“ nach der Rückkehr ihre Schärfe zu nehmen und die Diskussion nach der Rückkehr über die Antwort „Gut“ hinaus zu heben. Weiterhin sind sie die ständige Mitteilung: Ich bin hier und tue dies. Sie geben permanent Auskunft – Twitter und SMS noch mehr als Blogs – wo man sich gerade womit beschäftigt. Damit wird die Postkarte vom Push- zur Pull-Mitteilung umgewandelt und der Sender ermächtigt über den Grad des Kitsches bei den Bildern eigens zu entscheiden. Selbst bei einem Mobiltelefonanruf muss man zunächst ja fragen wo sich die Gesprächspartnerin zurzeit befindet (und nach der Einführung der Homezone gilt das sogar für das Festnetz). Überhaupt kommunizieren Blogs und Twitter immer an eine Mehrzahl, an Interessierte (und damit möglicherweise an Freunde). Die Botschaft ist also notwendigerweise generischer. Aber so denn Blogs und Twitter an Freunde kommunizieren sollen und nicht einfach an „die da draußen“ ist der Autor bekannt und bestimmt. Er kann nicht unbekannt bleiben und seine Nachrichten anonym ins Netz stellen. So mag er für Unbeteiligte erscheinen, aber Freunden ist der Beziehungshintergrund der Nachrichten immer bekannt. Und um die Beziehungsebene sollte es uns eben auch gehen. Hier sollten wir trennen zwischen einer Öffentlichkeit, Freunden und Bekannten. Nicht jedes öffentlich geführte Tagebuch ist auch an eine Öffentlichkeit gerichtet oder für diese verständlich. das wird deutlicher bei sozialen Netzwerken wie Facebook oder Studivz. Sie haben eine Zugangshürde über die Mitgliedschaft und dann die Möglichkeit nur bestätigte Freunde mitlesen zu lassen. Insofern wird zumindest die generelle Öffentlichkeit ausgeschlossen. Drinnen bleiben dann aber die Bekannten als Mitleser, die flüchtigen Bekanntschaften – die sich wohl kaum den Aufwand machen werden oder das Interesse aufbringen eben diese Aktualisierungen mitzuverfolgen. Für Netzwerke erscheint es offensichtlich über eine Ökonomie der Aufmerksamkeit (Georg Franck) zu sprechen, wenn man ihr Funktionieren beschreiben will. Aufmerksamkeit wird hier gehandelt, so auch in den akademisch besser fundierten Theorien zu Sozialkapital, etwa bei Lin oder Bourdieu. Der emotionale Aufwand, also das Investment an Aufmerksamkeit, ist bei sozialen Netzwerken im Internet zunächst gering, man muss lediglich auf den Freundschaftsknopf klicken.

Ein Brief taugt deutlich mehr als Freundschaftsbeweis. Deshalb wirken SMS als Trennungsnachrichten für Intimbeziehungen auch so lächerlich verfehlt. Sie erfüllen nicht die Erwartungen an das Maß der Aufmerksamkeit, welches der Situation und der Person entgegenzubringen wäre. Bleibt in diesem Gedanken medienvermittelte Freundschaft nicht notwendig immer hinter der in Interaktionssystemen ausgelebten zurück? Selbst emotionale Liebe mag für einen Anfang einer Beziehung reichen, auf Dauer stellen kann sie sie kaum, dafür sind gemeinsame Erfahrungen nötig. Bei genauerer Betrachtung erscheint es also nicht mehr so, als wenn der Brief als Medium der Freundschaft ersetzt werden würde durch SMS oder Blogs. In einem Netzwerk von Freundschaften erfüllen sie eine andere Funktion und sie sind nicht geeignet einzelne, besonders stark gepflegte Freundschaften herauszuheben. Sie egalisieren Freundschaften, aber sie mehren sie auch.

Kümmel kann den historischen Bruch nur deshalb so deutlich herausarbeiten, weil er den zeitlichen Bruch des Vergleiches so groß ansetzt – immerhin drei Jahrhunderte Mediengeschichte lässt er unter den Tisch fallen. Zudem wurde die These vertreten, dass Freundschaft eben nicht konstitutiv über Medienvermittlung bewältigt wird. Wer über Freundschaft sprechen will sollte dies bei einer Flasche Bier tun (oder als Bürgertum beim Wein und in Berlin mit der obligatorischen Bionade). Dieser Appell, so mag man berechtigter Weise einwenden klingt ähnlich absurd wie Adornos Massenmedienkritik über das Radio – konsequent verfolgt impliziert er weniger Zeit für Blogs und mehr Zeit für Besuche. Dann aber wirken Freundschaften anders, dann geht es auch um Kollegen (also um die profane Wirklichkeit, dass Freundschaft nicht immer humanistische ausgelebtes Ideal ist, sondern vielmehr Teil von Zweckverbindungen), es geht um Klischees wie die bei Atze Schröder dargestellte Männerfreundschaft und um Kumpels unter Tage. Was sind dann solche Kumpels in einer modernen Arbeitswelt? Was, wenn Ijoma Mangold in derselben Ausgabe der Zeit unter der Überschrift „Zur Arbeit, zur Sonne“ gerade die Arbeitsfreundschaft rehabilitieren will, in einer Umgebung, wo Beruf vorgibt auch Berufung und Selbstverwirklichung zu sein? Nur, wo bleibt da die Seelenfreundschaft? Sie bleibt nicht, ist doch Kulturwissenschaft auch „die Austreibung des Geistes aus den Geisteswissenschaften“ (Aleida Assmann).  Oh, Freud, da hast du die Tragödie der Kultur! Sublimieren wir Freundschaft also nicht weiter durch Briefeschreiben, leben wir sie.

Was hat das alles mit Schillers Geburtstag zu tun? Thematisch nichts, inhaltlich nichts, es gibt lediglich die Gelegenheit zwei unverbundene Themen (Freundschaft und Medien) zu koppeln über ein Ereignis, das mit beidem nichts zu tun hat.

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Eingeordnet unter Beobachtung, Kulturwissenschaft, Medien, Persönlich

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