Vortrag: Kulturwissenschaften – eine Übersetzungsperspektive

Am Montag war die Abschlussveranstaltung der Ringvorlesung „Die Ungleichzeitigkeit des Raums — Geschichte und Perspektiven der Area Studies“ des Center for Area Studies der FU Berlin. Vortragende war Frau Bachmann-Medick zum Thema „Area Studies transnational und translational: Zur Übersetzungsfunktion der Area Studies“.

Vortragsbeschreibung:

„Der Vortrag stellt historische und aktuelle Übersetzungsfunktionen der Area Studies (Welt-Regionalstudien) zur Diskussion. Wieweit führen gegenwärtige Übersetzungsfunktionen der Area Studies über ihre traditionellen Mittlerfunktionen hinaus – um die Regionenbildung selbst zu überdenken, um Voraussetzungen zu schaffen für Wechselübersetzungen in der globalen Wissenschaftskommunikation? Die Area Studies können dem Westen und den Disziplinen eigene Übersetzungsangebote machen – vor allem für die Neukonstruktion des Raums, die Lokalisierung des Universalen und die Gewinnung neuer Analysekategorien.

Doris Bachmann-Medick ist Literatur- und Kulturwissenschaftlerin. Sie arbeitet im Feld der kulturwissenschaftlichen Grundlagenforschung und regt von daher eine kulturwissenschaftliche „Außensicht“ der Area Studies an. Ihr Blickwinkel entspringt zwar einer weiteren Wissenschaftslandschaft, die von „Cultural Turns“ geprägt ist (so der Titel Ihres Buches zu Neuorientierungen in den Kulturwissenschaften, das als Rowohlt Taschenbuch 2009 in einer neu bearbeiteten 3. Aufl. erschienen ist). Doch mit einem gezielteren und konkreteren Fokus fragt sie nach der Fruchtbarkeit der Übersetzungskategorie als einer neuen kultur- und  sozialwissenschaftlichen Analysekategorie.“

Kommentar:

In ihrem Vortrag hat sie sechs Übersetzungsleistungen der Area Studies angesprochen, die aber recht theoretisch gehalten, d.h. ist nur eingeshränkt auf das Themengebiet Area Studies eingegangen.

1. Die Vermittlung kulturellen Wissens

– dynamische Kultur, die nicht komplett von außen Übersetzt werden kann, Übergang zu einem Wissen mit anstelle eines Wissens über.

2. Nationale/Transnationale Forschung

– Forschung über nationale Grenzen für eine politische Legitimation hinaus, die sich an Themen und Forschungsprogrammen orientiert

3. Transnationale Kulturen, translational gedeutet

– Berücksichtigung innerkultureller Unterschiede, Berücksichtigung lokalisierten Wissens über die Untersuchung von Interaktionen

4. Neubestimmung des Lokalen

– Problem der Nutzung universalistischer, „westlicher“ Konzepte bei der Untersuchung, Phänomen des „knowledge moves“, keine 1:1 Originalübersetzung, sondern Aneignung

5. Übersetzung in und von Referenzrahmen

– z.B. ist bei dem Neo-Medivalism der Bush-Ära in Sachen War on Terror eine Rückübersetzung durch die Area Studies gefordert, also das Aufzeigen, welche Referenzrahmen wie in Anspruch genommen und politisch verwendet werden

6. Cross-categorial translation

-Nicht nur über Kulturen und durch Kulturen, sondern auch über Kategorien hinweg forschen, Problem der Machtasymmetrien bei Übersetzung (westl. Hegemonie).

Kultur wurde hier sehr breit verwendet (und meines Erachtens nicht definiert), als allgemeine Verweisungskategorie nationaler Gesellschaften. Damit wurden kulturelle Einheiten unterstellt. In den Rückfragen zum Vortrag ging es dann vor allem um die Rolle der Sprache bei der Übersetzung (Alt-Philologen). Dabei stellte B-M heraus, dass sie Übersetzung metaphorisch im Anschluss an sprachliche Übersetzungen versteht, aber von der Vorstellung eines festen Originals als Verweiskategorie Abstand nimmt. Da ich gerade Latours „Wir sind nie modern gewesen“ gelesen habe ist mir der Unterschied der Übersetzungsbegriffe aufgefallen. Latour verwendet zwar ebenfalls einen akteurbasierten Handlungsbegriff, aber er schließt metaphorisch an physikalische Übersetzung an, so meine These. In meiner Lesart löst Latour einige der Analyseprobleme der Moderne, die bei B-M in der Übersetzung auftreten, wenn sie Übersetzung als allgemeines Konzept in Area Studies einführt, z.B. die zu unrecht vom Westen gesetzte eigene moderne Besonderheit, den Gegensatz Lokal/Global und die Verwendung von universalen Begriffen. Cultural Turns kommt jedenfalls auf die zu lesen Liste.

Mehr zum Übersetzungsbegriff in den Kulturwissenschaften

http://bachmann-medick.de

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Eingeordnet unter Berlin, Doktorand, Kulturwissenschaft

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