Im Süden von der Elbe ist das Leben nicht dasselbe

Einkaufen in der Hamburger Marktstraße, Ende 90er. Indie, Punk, Underground. Karoviertel sah aus, meine Güte. Aber einkaufen, ja. Erste Anzeichen da schon: „Mh, ich geh nicht mehr hin, da sind so viele komische Leute, die grüßen nicht, wenn sie in den Laden kommen.“ (s.l.) Die Veränderung des Viertels ist interessant, weil sowohl hier als auch im gesamten Karoviertel die Yuppies zunehmen. Unterbezahlte Latte-Macciato-Kreative. Oder solche, die das gerne wären. Also z.B. ich mit einem Freund und 2 Macs im Café beim Kuchen essen. Statt Cordschlaghosen bekommt man inzwischen Designernkleidung. Einkaufen in der Marktstraße, naja… Was eine Aufwertung eines Quartiers ist hängt wohl von der Perspektive ab. Aber alles natürlich hochgradig individuelle Kreative (und in dieser Eigenschaft alle hochgradig gleich).

Die moralische Frage: Soll ich die selbstgegründete studivz Gruppe „Marktstraßeneinkäufer“ wieder löschen?

Die Werbeagentur Jung von Matt sieht das Image in ihrem Copytest anders: Da sind die Autonomen, Sprayer und Co noch in der Schanze beheimatet. Positiv könnte man auch sagen sie erinnern sich an eine romantische Vergangenheit. Negativ: Sie sind blind gegenüber dem Wandel und Trends und haben das neue Bild des Kiez verschlafen.

Den Copytest findet man unter: http://www.jvm.de/www/pdf/copytest_de.pdf

Hier einige Zitate, die sehr gut über die Stilisierung des Viertels durch die Werber illustrieren:

„Als du die Marktstraße entlangschlenderst, wirfst du
einen Blick in das Lederbekleidungsfachgeschäft „Lucky
Lucy“ und musst mit ansehen, wie ein übergewichtiger
80-Jähriger sich gerade in einen Lack-Catsuit quetscht.“

„Ein paar Meter weiter sitzt ein Punk-Mädel auf einem
Stromkasten und gibt lautstark ihre Theorie über „die
positiven Auswirkungen von Asbach-Cola auf das
zentrale Nervensystem“ zum Besten.“

„An der Kreuzung Marktstraße/Glashüttenstraße
bietet dir ein Mann flüsternd Schwarzen Afghanen an.
Der Arme, denkst du dir. Wahrscheinlich ist seine
Wohnung einfach zu klein. Warum sonst sollte jemand
eine so seltene Hunderasse loswerden wollen?“

„Als du in die Glashüttenstraße einbiegst, siehst du,
wie zwei Jungs hektisch mit Zündkabeln in einer
nagelneuen Mercedes S-Klasse rumfuchteln. Ganz
schön gefährlich, denkst du dir. Und bevor die Jungs
sich einen Stromschlag holen, zeigst du ihnen
freundlicherweise, wie sie viel leichter an schöne Autos
kommen.“

„Kurz bevor du die Agentur erreicht hast, siehst du
hinter einer Mauer dichten Qualm aufsteigen. Du
schaust um die Ecke und siehst ein paar Autonome, die
gerade einen Müllcontainer anzünden. Dabei weiß
doch jeder, wie umweltschädlich das ist.“

„Während du in dem schummrigen Getränkemarkt überlegst, ob es die Mate-Chai-Kirsch-Light-Limonade oder doch lieber die linksdrehende Joghurt-Cola sein soll, hältst du plötzlich wie vom Blitz getroffen inne. Neben dir steht die atemberaubendste Frau, die du je gesehen hast.“

„Randvoll mit Glückshormonen willst du gerade auf
den Hof von Jung von Matt einbiegen, als du einen
Sprayer dabei ertappst, wie er in großen roten Lettern
das Wort „Drexxwerber“ an das Eingangstor sprüht.“

„Als du entschlossenen Schrittes über den Hof in
Richtung Eingang gehst, rempeln drei Kids dich im
Vorbeilaufen an. Während sie weiterlaufen, wunderst du
dich, dass eines von ihnen genau die gleiche Uhr in der
Hand hält, die du von deinem Vater zum Abitur
bekommen hast.“

Dieser Copytest ist ein Fall für 39,90!

Auch eine interessante Reflexion auf den Wandel des Stadtteils: http://jetzt.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/456170 Leider nur noch über das (kostenpflichtige) Archiv erreichbar.

Ist man im Süden der Elbe, dann interessiert einen das ohnehin nicht, weil das Leben ja seinen Höhepunkt in der Lämmertwiete erreicht. Schöne Restaurants, aber das wars. Der Titel stammt aus der Depression, dass sich allein das verlassen des Hauses nicht lohnt, macht man nicht den Aufwand den Fluss zu überqueren. „Apotheker fahren Porsche dank der Antidepressiva“, Beginner: City Blues.

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2 Kommentare

Eingeordnet unter Hamburg, Persönlich, Trendforschung, Vorurteile, Zeichen

2 Antworten zu “Im Süden von der Elbe ist das Leben nicht dasselbe

  1. Lars

    Ich erinnere mich an unsere Diskussion über die Gentrifizierung als wir mit unseren Macs in besagtem viertel saßen. Es ist übrigens seit zwei Jahren das nächste Viertel dran. Dank der Innitiative und des kartellähnlichen Zusammenschlusses der Vermieter ist St. Georg mit 100% Mietpreissteigerung ist der vermeitliche Geheimtippitaliener in der Langen Reihe immer noch genauso lecker aber doppelt so teuer und die Gäste eher „show-off-schiki-lackis“ als gourmetgenießer.

  2. Hallo. Vielen Dank für die tollen Hinweise und Tipps. Echt schöner Beitrag! Zu dem Thema habe ich jetzt schon viele gute Hinweise gefunden. Viele Grüße, Borromäus Rapp

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