Homo Faber und Feuchtgebiete

Vor einiger Zeit habe ich etwas über Trendforschung geschrieben. Was im Kurzseminar mit Prof. Düllo in meiner Gruppe entstanden ist war der Trend der Aufwertung des Hässlichen und Ekligen. Bestes Beispiel ist Charlotte Roches Feuchtgebiete. Aus eigener Erfahrung kann ich jetzt sagen: Wirklich eklig. Es ist enttabuisierender, schamloser Umgang mit jeglicher Form und Art von Körperflüssigkeiten. Alle Schleimhäute werden durchdiskutiert. Es geht um Sex. Moralisch konservative Personen würden wahrscheinlich das Wort „pervers“ verwenden. In seiner dichten Beschreibung der Vorgänge der körperlichen Funktionen wird es phasenweise lächerlich. Natürlich kann man auch behaupten es wäre ein Stück Emanzipation hinsichtlich weiblicher Sexualität und kultureller Körperkodierung. Die ist dann aber zahm und ohne offen erkennbare Stoßrichtung. Gerade weil es das vermissen lässt ist das Buch eben nicht politisch. Es wird eher ein junges Mädchen (18) mit pubertärer kontra Einstellung zu hygienischen Konventionen dargestellt, als dass ein neues Frauenbild propagiert würde. Abgesehen von den hygienisch stellenweise abstoßenden Beschreibungen hat die Hauptfigur Helen eine selbstbestimmte und offene Sexualität. Okay. Aber was ist daran jetzt so besonders?
Ekel-Literatur hat eine gewisse Tradition. Der Trend hässliches und ekliges breit zu diskutieren findet sich z.B. in der typischen Schullektüre Homo Faber von Max Frisch. Dort wird körperlicher Verfall über Körper- und Naturbeschreibungen ausgebreitet. Weniger offensiv als bei Frau Roche. Der Stil von Max Frisch zeigt ohnehin höheres literarisches Können. Aber was Popliteratur sein will muss Drogen und Sex und pubertäre Tiefen darstellen. Wäre Frisch so plump wohl nicht passiert. Wer liest nun Roche? Alle, so habe ich mir sagen lassen. Also durch alle Gesellschaftsschichten hindurch. Ist doch interessant. Ich hab das schließlich auch konsumiert. Konsumiert ist gut für Popliteratur, also besser als rezipiert. Trifft das besser. Die schreiben ja auch immer in diesen Kurzen Bildzeitungssätzen. Schnell, alltagsnah. So umgangssprachlich und dann noch Berliner Schnauze. Ich hab‘s mir auch nicht gekauft, sondern ausgeliehen. Von einem Skinhead. Deshalb denke ich: Alle Gesellschaftsschichten lesen es. Stimmt also, ist ja auch in allen Bestsellerlisten. Ich finde das ist eine gute Unterfütterung für meinen Trend. Ekel und Hässlichkeit sind in. Die Frage ist: Wie weit und in welchen Gebieten sind hier Stilbrüche gerade erlaubt? Hat jemand noch weitere Beispiele?

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Eingeordnet unter Medien, Trendforschung

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