Nachtrag zu Mia. „Was es ist“

Wie geht man mit dem deutschen Erbe um? Sind die Zeichen der Nation politisch tabu, weil sie auf einen Staat verweisen, der aus der Asche des Dritten Reiches entstand? Überlässt man mit der Tabuisierung der nationalen Zeichen nicht genau denjenigen das Feld, die damit den größten Schaden anrichten? Patriotismus mit Nationalismus gleichzusetzen und unter kollektive moralische Gruppenhaftung zu stellen überlässt das Thema den Rechten. Damit erfüllt sich die Prophezeiung natürlich selbst: Nation ist und bleibt rechts. Man händigt das Thema, das man tabuisiert, also denjenigen auf dem Silbertablett aus, denen man es ursprünglich verbieten wollte.
Insofern ist es nur gerechtfertigt, wenn Mia. auf „neuem deutschen Land“ selbst Veränderung und damit Geschichte machen will. Ab wann ist so ein Neuanfang gestattet? Hier ist die Frage nicht so einfach beantwortet wie nach 9/11, wo nach acht Wochen laut führendem Kolumnist die Trauerzeit vorbei war und die den Patriotismus symbolisierenden Flaggen wieder eingepackt werden durften. Für Deutschland stellt sich die Frage: Wann dürfen die Flaggen wieder ausgepackt werden? Wann darf ein Thema erneut belegt werden, das seit über 70 Jahren den Falschen überlassen blieb? Oder ist es bereits falsch das Terrain als umkämpftes Gebiet zu akzeptieren und gegen die ungewünschte Verwendung nationaler Symboliken anzugehen? Wäre nicht vielmehr die richtige Wahl die Kategorie kollektiv nicht zu beachten? Allein, politisch ist sie zementiert und spätestens die Weltmeisterschaft 2006 hat aufgezeigt wie stark der Identifikationsgrad ist.
Zu sagen: Ich fühle mich nicht als Deutscher, also muss ich mich nicht schämen, funktioniert schon deshalb nicht, weil man das nicht nur selbst und alleine definiert, sondern auch die eigene Umwelt das setzt. Identitäten sind auch bei Individualisierung immer noch kollektiv gespeist. In diesem Falle ist das definierende Kollektiv die Nation (und andere Nationen!), so ungern man das vielleicht auch haben und hören mag. Dieser Identitätsteil wird über die Kategorie Nation definiert, unabhängig von der eigenen Bereitschaft sie anzuerkennen.
Wie soll nun das kollektive Gedächtnis mit diesem Abschnitt der Vergangenheit umgehen? Man kann sich dadurch nicht auf Dauer definieren lassen – das wäre zerstörerisch. Vergessen und leugnen als andere Extreme hingegen sind inhuman (oder leider auch allzumenschlich), also moralisch zu verurteilen. Solange es noch genügend individuelle Träger des kollektiven Gedächtnisses gab, mit persönlichen Erinnerungen und Erfahrungen, stellte sich sowohl die Erinnerungs- als auch die Scham- und Schuldfrage anders. Inzwischen jedoch kommt das „Floating Gap“ zwischen personifiziertem, mündlichem Gedächtnis und Schriftgedächtnis immer näher. Ein tiefer, schwarzer Abgrund des Vergessens. Die Generation der Täter und Opfer schwindet, gleichzeitig nimmt damit ein persönlicher Bezug der heranwachsenden Generationen ab. Die eigene Familiengeschichte während des 2. Weltkrieges ist für kaum eine Jugendliche oder einen Jugendlichen noch ein wirklicher Reibungspunkt gegenüber den Eltern. Dieser Konflikt wurde bereits ausgetragen. Immer mehr übernehmen technische Medien die Speicherfunktion für die Ereignisse während Hitlers Regierungszeit. Leider gilt für Medien grundsätzlich die Media-Richness-Theorie: Mit höherer Reichweite nimmt deren Überzeugungskraft ab und mit höherer Intensität verlieren sie an Reichweite. Massenmedien erreichen viele, sind aber schwach an Tiefe. Persönliche Gespräche haben kaum Reichweite, bewegen und überzeugen aber mehr. Das können auch Videoaufnahmen von Zeitzeugen nur schwer ausgleichen. Mit anderen Worten: Wir haben keine andere Wahl. Unser Verhältnis wird sich zwangsläufig ändern, die überzeugendsten Vermittler sterben. Wir müssen die Erinnerungen an die Ereignisse anders speichern. Hier offenbart sich, dass das Medium zumindest teilweise auch die Botschaft ist. Diese Veränderung des kollektiven Erinnerungsspeichers zwingt uns dazu bisherige Einstellungen neu zu überdenken und die Konsequenzen in andere Umgangsformen mit der Vergangenheit zu übersetzen. Dazu kann es auch gehören Zeichen positiv zu besetzen, die bislang tabuisiert wurden. Ironisch-überzogene Kunstformen wie bei Mia. und anderen Künstlern haben erste Schritte in diese Richtung getan. Dabei sprechen die Akteure von Orten aus, die politisch unverdächtig sind und damit eine Normalisierung überhaupt nur erreichen können.

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Eingeordnet unter Beobachtung, Geisteswissenschaften, Kulturwissenschaft

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