Handy – Die Freiheit ist das Opfer

„Ich habe keine Lust ständig auf die Frage zu antworten: Von wo aus sprichst du?“, so Sloterdjik in der Zeit Leben. Das führt er als Grund an kein Mobiltelefon zu besitzen. In der Tat lässt das Mobiltelefon diese Frage zunächst einmal unbeantwortet, zusätzlich zu der generellen Telefonfrage: Was machst du gerade? Zwei Fragen, die sich erübrigen, wenn man sich persönlich trifft. Man muss sich zunächst einmal dem Gesprächspartner erklären. Dabei ist das Mobiltelefon noch eine harmlosere Form dieses Umstandes. Das Internet gibt mit anderen Programmen viel genauere Formen der ständigen gegenseitigen Versicherung der Frage welche Bekannten wo was in welcher Stimmung gerade tun. Instant Messanger mit Stimmungsnachrichten, StudiVZ und Facebook oder Twitter erlauben die Kurzmitteilung der eigenen Örtlichkeit, Tätigkeit und Befindlichkeit an alle die ebenfalls „schon drin“ sind. Diese Nachrichten sind trivial – aber daran müssen wir uns nicht weiter stören, schließlich ist auch die häusliche Kommunikation mindestens genauso trivial. Der Glaube, nur weil eine Botschaft medienvermittelt ist müsse sie auch an Gehalt gewinnen, ist eine hochkulturelle. Ihre Standards sind aber nicht angemessen für populärkulturelle Phänomene. Beide Sphären haben unterschiedliche Wertestandards und Funktionalitäten für die in ihnen ablaufenden Prozesse. Die Selbstauskünfte über Mobiltelefon und Internet sind ohnehin nur eine moderne Form von „Meine Frau, mein Haus, mein Boot“ und auf Geschwindigkeit getrimmt: „Gestern London, heute Berlin, morgen Paris“. Geltungskonsum braucht in einer räumlich losgelösteren Gesellschaft neue Ausdrucksformen. Sie lediglich als Verlust von Freiheit und internalisierter Überwachung zu deuten greift zu kurz. Wir befinden uns nicht (nur) in einem selbstgebauten Benthamschen Panoptikum, sondern wir teilen auch Status und Zugehörigkeit mit, halten Kontakt, schaffen soziale Bindung.

Sloterdjik: Zeit Magazin, 51, 11.12.2008. S. 30f.

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Eingeordnet unter Beobachtung, Geisteswissenschaften, Medien, Uni

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