Klein Siegfried bei den Juristen

Klein Joscha bei den Juristen in Hamburg im Rechtshaus. Ein Donnerstag im Oktober 2006.

9:30 Uhr. Gegenüber: Strassenköterblondes Mädel mit Haarreifen. Aber nicht Indie. Trägt ne hellblaue Bluse und darunter eine weiße Rüschen!bluse mit Monsterkragen. Legt den Finger zwischen die Lippen, wenn sie nachdenkt. Der ganze Tisch wackelt, wenn sie ihre Bücher wälzt. Ihre Kernutensilien: Taschentücher, Kamillen-Handcreme, Tabletten und Pflaster.
Ein Stück weiter: Tommy Hilfsarbeiter-Pulli und Intellektuellenbrille. Konterkariert vom Neonazi-Haarschnitt. Trägt zum Stil passende Seglerschuhe. Auch gut: Der Typ rechts von mir mit blauem Hemd und goldenem Füllfederhalter. Besitzt einen riesigen Kasten mit Karteikarten zum Lernen. Der letzte Mann in seinem Alter mit Tintenkiller. Nicht gesehen seit der 9. Klasse.
Einen Tisch weiter mir gegenüber: Weibliches Wesen mit Rauten-Pullover im Urgroßopastil und darunter eine weiße Bluse. Rundumcheck: In diesem Raum ist blond Pflicht. Ich bin falsch. Das Mädel hat nen Blick – stechende Augen. Die verflucht sicher jeden, der hier ist. Die Welt gehört mir!
10:00. das Wesen mir gegenüber hat auf ihre Tabletten ein chices Motorola-Mobiltelefon gelegt. So eins von der Ultra-Flach-Sorte. Ich warte noch auf jemanden mit Seidenschal.
10:03: Katja neben mir vermisst ihre Polaroid-Kamera, um das hier festzuhalten.
10:05 Ihre Taschentücher sind scheinbar Lesezeichen. Es ist die Mini-Variante.
10:15 Die Hochgestellte Polokragenfraktion verlässt den Raum.
10:17: Neue blonde Frau betritt den Raum. Stil: Sekretärin. Hauptaccessoires: Handtasche und Plastikbeutel (durchsichtig) mit Büchern.
10:20: Katja wuschelt ihr Haar nach (wichtige Katja-Geste) und hört Strokes. „Es gibt Momente, da helfen nur noch die Strokes… get yourself a lawyer and a gun!“ Meine Anmerkung: Das erste könnte das zweite ersetzen…
10:28: Der Freund der Frau mir gegenüber kommt. Trägt ein Hemd unter dem Ich-tu-So-Als-Ob-Ich-Segler-Pulli-Wär. Schuhe konnte ich leider nicht sehen. Dunkelblaue Jeans. These: Für die Uni reicht Casual. Katja informiert mich sachkundig, dass ihre Hose mindestens 200 € kostet. Ist an ihr aber verschwendet. Sie ist weg (Fanta4) Endlich! Erste Aggressionen entwickeln sich.
10:33 Neues Top-1 Kleidungsstück: Schulmädchenrock. Mit dem passenden Faltenwurf!
10:35 Cowboy betritt den Raum. Breitbeiniger Gang, Schultern nach vorn, Hallo, hier kommt ein Alphatier. Schwarzes Nadelstreifenjackett, keine Kleidung unter Anthrazitgrau. Auch „very special“: Der Typ mit Topfhaarschnitt und knallrotem Poloshirt. Aber: Haare sind dunkler als blond. Er sollte seine Berufswahl überdenken.
10:41: Vermeintlicher Hilfsarbeiterpullover ist ein Seglerpullover. Schwerer Irrtum.
10:44 The Return of the Girl on the other side of the table. Wieder hektisch, außer Atem. Gleich an die Arbeit. Man kann ja nichts sagen: Die Jeans sitzt eng am Arsch wie sonst was. Das hat was von einer Leggins.
10:47 Mann mit Haartolle, Koteletten und Weiß-Gelb-Gestreiftem-Poloshirt. Auch er stolzer Besitzer eines Karteikastens.
Bürstenhaarschnitt-Proll packt aus einer durchsichtigen Repetitoriumstüte Laptopzubehör aus. Laptop wirkt kastig, hat aber ein Schloss, das am Stuhl befestigt wird.
10:57 Dieser Neuzugang hat sich verirrt. Trägt Adidas Sneaker Modell Samba. Aber auch Pollunder und darunter Poloshirt. Ein Hybride. Sitzt aber neben der ganz schwarz gekleideten irgendwo hinter mir, die ich nicht gut sehen kann. Anmerkung: Muss mich das nächste Mal mit dem Rücken zur Wand setzen.
10:58 Der Typ trägt ne Polo-Weste, nen minzgrünen Pollunder und darunter ein kariertes Hemd. Ach herrjemineh – hat Muttern den Eingekleidet?!?
11:00 Katja merkt an, dass auch sie einen Karteikasten besitzt. Scheint gängig bei Juristen zu sein. Muss mal das Geheimnis der Karteikästen erkunden. Als Forschungsprojekt merken.
11:02 The Girl on the other side II: Diesmal ausgestattet mit Ohropax. Das Böse hört nicht.
11:18 Ein Alien. Ein Indie-Alien. So Indie, dass er graues Jackett und grauen Kapuzenpullover und bedrucktes Shirt trägt. Ja, das ist nicht Indie. Aber im Vergleich…? Wenigstens etwas?
11:30 Ich halt es nicht mehr aus und Frage Katja, wann wir in die Mensa wollen. 12:30. Durchhalten.
11:53 Buch durchgelesen und exzerpiert.
11:58 Gut das ich so konzentriert gelesen hab. Das Bunny Häschen mir gegenüber war weg und nun ist sie wieder da. Die hat so ein Hasen-Grinsen.
13:27 Wieder da. Mensa essen vorbei. Waren im Phil-Turm – das war geistige Erholung, besser als meditieren. Bei den Juristen im Lesesaal hat sich niemand bewegt, alles Dinosaurier (würde ich eine Analogie zu Katzen ziehen wäre das für ihre Grazie beleidigend).
13:49 Die Frage ist: Sind die Schädigungen durch meine Anwesenheit für mich bleibend?
13:53 Neues Highlight, diesmal männlich. Karierter Schal, Papiertüte statt Tasche oder Rucksack. Cordjackett, fiesblauer Pullover. Darunter Hemd, Kragen durch den Schal fast verdeckt. Am Besten: Er hat die Ärmel des Hemdes außen um den Pullover gekrempelt.
14:48 Mein Gegenüber hat gerade Besuch durch ein anderes Mädchen. Zwei Hühner. Gacker, Gacker, Kiecher. Zweites Mädchen wieder weg. Tack, tack. Stöckelschuh.
15:20 Ich krieg einen Ekkehard Leopold von Weychenried-Koller. Zu viele Ekkehards hier (man suche im StudiVZ). Hilfe ihr Russen, die Ekkehards kommen!
15:30 Ekkehard mit Schal ist außerhalb meines Sichtbereiches auf einen neuen Platz umgezogen. Es gibt einen Gott.
15:51 noch 10 Minuten bis zur Pause. Das eben noch ruhig mir gegenüberliegende Wesen springt plötzlich auf, zerknüllt Papier, wird hektisch, packt, alles in eine Repetitoriumstüte, und macht sich hoffentlich endlich weg vom Acker. Immerhin hat sie schon ihren Schal umgebunden. Überstürzter Aufbruch. Auf dem Tisch zurück bleiben zwei Bücher und Post-its.
19:58 Synapse durchgebrannt: Habe eine Darstellung zu Modellen alternativen Denkens betrachtet und mir kam der Gedanke: Komplexes, systemisches Denken haben Geisteswissenschaftler erfunden, um zu vertuschen, dass sie nur chaotisch und wirr daherreden.
16:25 Pause zu ende. Unternehmensberaterbuch lesen (Buch ist Schrott). Nicht hochgucken.
18:00 Raus hier.

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Eingeordnet unter Beobachtung, Hamburg, Kulturwissenschaft, Persönlich

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