Die philosophische Kartoffel oder: Woran man sehen kann, wer Individualist ist.

(Entstanden aus einem Gespräch mit Sissi am 08.11.2003)

Angefangen hat es wie immer mit einer der großen Fragen des Lebens: Beziehungen. Da war die Feststellung, dass es ein Grundbedürfnis des Menschen ist, (Liebes-)Beziehungen zu haben. Dann kam das Gespräch auf das Essen. Und dass es doch ebenso ein Grundbedürfnis sei, die Kartoffeln zu musen. Wenn dem so ist, wer hat dann dieses Bedürfnis und was sagt das über die betreffende Person aus?

Kartoffeln als solche haben in unserem Speiseplan eine eher untergeordnete Rolle als Sättigungsbeilage, wobei die Zubereitungsart sie aufwerten kann. Gebratene Kartoffeln sind also hochwertiger, als Salzkartoffeln. Hier geht es aber um letztere, weil diese auf dem Teller zu Mus verarbeitet werden können. Aber eben auch nur um die Kartoffeln, die erst nachträglich, also nach der eigentlichen Zubereitung, gemust werden. Das musen zuvor wertet die Kartoffeln nämlich ab.

Salzkartoffeln werden traditionell in der norddeutschen Küche besonders häufig verwendet. In diesem Kulturkreis gehören sie normalerweise zu einer Anordnung eines Gerichts, das aus einem Fleischstück und zwei Beilagen (Gemüse und Sauce) besteht. Das Gemüse wäre in diesem Falle Kartoffeln und beispielsweise Bohnen.

Hierbei gibt es eine zentrale Anordnung des Fleischstückes auf die Mitte des Tellers. Es steht im Zentrum. Dazu sind die anderen Teile des Essens eben nur Beilagen. Diese Anordnung eines Gerichtes wird als eine Anordnung des „Perfekten Kosmos“ (Helene Karmasin, Die Geheime Botschaft unserer Speisen, München 1999, S.89) bezeichnet. Besonders Kartoffeln werden dabei relativ wertfrei als Sättigungsbeilage wahrgenommen. Als solche kann Kartoffeln auch eine rein funktionale Rolle zugewiesen werden, dann kann das Musen als praxisorientierte Verbindung mit der Sauce gesehen werden. Selbst dann kann aber die nachfolgende Interpretation angewandt werden.

Durch das Musen der Kartoffeln wird dieser „perfekte Kosmos“ aber teilweise in eine „amorphe Anordnung“ (Ebd. S.93) überführt. Dies ist eine Umordnung von einem hierarischen Modell zu einem individualistischen. Gerade im Trend weg von der Anordnung im „perfektem Kosmos“ hin zur „amorphen Anordnung“ zeigt sich die Individualisierung unserer Gesellschaft und zeigt ein anderes Bild: „wenig strukturiert, wenig geregelt, weniger Einschränkungen und Regeln unterworfen, kreativ und individuell gestaltbar, leicht anzueignen und leicht aufzulösen“. (Ebd. S.93)

Weiterhin ist die Aufnahme von gemusten Kartoffeln eine „schlabbernde“ Nahrungsaufnahme. Sie ist mehr passiv, als aktiv und damit weiblicher. Dies wird aber wesentlich durch den oft recht aggressiven Akt des Musens wett gemacht. Dieser ist eher dem aktiven Essen zuzuordnen. Hier ist eine klare Einordnung schwer möglich.

Ein Kartoffelmuser zerstört also aktiv die traditionell-hierarchische Ordnung auf seinem Teller und wandelt seine Umwelt in eine mehr weicher übergehende, amorphe Welt um. Kartoffelmuser sind also Individualisten, Kinder einer weniger starren Welt, sondern eher in aufgebrochenen, sich im Fluss befindlichen Umfeldern Zuhause. Ob sich die oder der Kartoffelmuser auch in Beziehungen so verhält wie zu seiner Kartoffel auf dem Teller?

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2 Kommentare

Eingeordnet unter Kulturwissenschaft

2 Antworten zu “Die philosophische Kartoffel oder: Woran man sehen kann, wer Individualist ist.

  1. greensleaves

    Weiß jemand die korrekte Schreibweise des Wortes „Musen“ von Mus? Pürieren ist langweilig.

  2. nordwindkind

    musen ist musen, wie sollte es sonst geschrieben werden?

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